Vor 4 Monaten lief ich meinen ersten Marathon.
Am Ende waren es sogar 45 km, im Dauerregen.
Keine Sekunde habe ich die Entscheidung bereut, meine Arbeit niederzulegen.
Denn das Leben so frei und selbstbestimmt zu gestalten, ist das schönste Geschenk, das ich mir je gemacht habe.
Hier siehst du einen Einblick in unseren Alltag und meinen ersten Ultra-Lauf. (Alles über 42 km ist ein Ultra ;-) )
Gestern hat meine letzte intensive Trainingswoche begonnen.
Darauf habe ich fast zehn Monate hingearbeitet.
Gestern stand zum letzten Mal mein schweres Krafttraining auf dem Plan. Viele Jump-Squats, viel Beinbelastung, viel Arbeit für den gesamten Körper. Jede Woche habe ich versucht, noch ein kleines Stück stärker zu werden. Progressive Overload. Jede Woche Muskelkater. Jede Woche ein bisschen mehr.
Jetzt ist dieser Abschnitt abgeschlossen.
Ab heute geht es nicht mehr darum, stärker zu werden.
Jetzt geht es darum, dem Körper zu vertrauen.
Heute Nachmittag wartet noch eine Testrunde mit 11 Kilometern und rund 770 Höhenmetern. Danach zwei Stunden lockeres Radfahren. Morgen geht es mit einem Freund wandern – zehn Kilogramm im Rucksack, einfach Zeit auf den Beinen sammeln. Donnerstag wird regeneriert.
Und am Freitag wartet der Härtetest II.
55 Kilometer.
Rund 4.000 Höhenmeter.
Fünfmal dieselbe Runde.
Immer wieder zurück zur Unterkunft, Verpflegung auffüllen, Wasser nachfüllen, kurz durchatmen und wieder los.
Ich rechne damit, zwölf bis vierzehn Stunden unterwegs zu sein.
Nicht, um irgendeine Bestzeit zu laufen.
Sondern um zu erleben, wie sich mein Körper nach vielen Stunden anfühlt.
Wie reagiert der Kopf?
Was funktioniert bei der Ernährung?
Wo verliere ich Energie?
Und vor allem:
Wie fühlt es sich an, wenn ich einfach weitermache?
Eigentlich habe ich nur ein einziges Ziel.
Wenn ich am Freitagabend noch halbwegs gut die Treppen zu unserer Ferienwohnung hochkomme und am Samstagmorgen einigermaßen normal aufstehen kann, dann weiß ich, dass meine Vorbereitung funktioniert hat.
Denn dann habe ich bereits knapp die halbe Distanz und sogar mehr als die Hälfte der Höhenmeter des Swiss Alps 100 in den Beinen.
Vor wenigen Tagen hatte ich einen Lauf, der mir unglaublich viel Vertrauen geschenkt hat.
22 Kilometer.
Knapp 2.000 Höhenmeter.
Zwischendurch war ich körperlich komplett leer.
Die Beine schwer.
Keine Energie mehr.
Mit den richtigen Elektrolyten kam die Kraft langsam zurück.
Und genau das war die eigentliche Erkenntnis.
Nicht, dass ich einen schlechten Moment hatte.
Sondern dass ich ihn wieder verlassen konnte.
Früher hätte ich wahrscheinlich gedacht:
„Heute läuft es einfach nicht.“
Und ich hätte abgebrochen.
Heute weiß ich:
Ein Körper verändert sich.
Ein Gefühl verändert sich.
Ein Lauf verändert sich.
Manchmal reicht genau die richtige Entscheidung im richtigen Moment.
Inzwischen habe ich die Strecke vom Swiss Alps 100 fast bis ins Detail geplant.
Ich weiß, wo welche Verpflegung liegt.
Ich weiß, was ich essen möchte.
Ich weiß, welche Fehler ich vermeiden will.
Am Wochenende habe ich außerdem lange mit Felix telefoniert.
Er wird mich beim Rennen als Pacer begleiten und das letzte Drittel mit mir gemeinsam laufen.
Nicht, weil ich die Strecke nicht alleine schaffen könnte.
Sondern weil ich weiß, wie wertvoll ein Mensch an deiner Seite sein kann, wenn der Kopf irgendwann beginnt zu verhandeln.
Kurz vor dem letzten Abschnitt komme ich außerdem noch fast an unserer Unterkunft vorbei.
Dort werde ich höchstwahrscheinlich Kristina und Lio sehen.
Allein der Gedanke daran schenkt mir jetzt schon Energie.
Es ist verrückt.
Vor zehn Monaten war der Swiss Alps 100 einfach nur eine Idee.
Heute fühlt er sich greifbar an.
Und egal, wie das Rennen am Ende ausgeht – eines weiß ich jetzt schon:
Die eigentliche Veränderung ist längst passiert.
Sie ist nicht das Rennen.
Sie sind die hunderten Entscheidungen davor.
Jeder frühe Morgen.
Jede Trainingseinheit.
Jeder Moment, in dem ich trotzdem losgegangen bin.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis.
Große Ziele verändern uns nicht an dem Tag, an dem wir sie erreichen.
Sie verändern uns auf dem Weg dorthin.
Kreiere einen kraftvollen Tag.
Raphael
