Jetzt ist es neun Tage her.
Neun Tage, seit ich beim Swiss Alps 100 ins Ziel gekommen bin.
Am Freitag ist der Podcast dazu erschienen. Darin nehme ich dich noch einmal intensiv mit in diese 100 Kilometer, erzähle dir, wie es mir ergangen ist, was in mir passiert ist und wie ich diesen Lauf erlebt habe.
Wenn du möchtest, hör gerne mal rein:
Doch heute möchte ich gar nicht mehr so sehr über den Lauf sprechen.
Sondern über das, was danach kam.
Denn damit hatte ich nicht gerechnet.
Sonntag und Montag war ich noch komplett gehyped. Immer wieder kamen Bilder in mir hoch und haben mich zurückversetzt in einzelne Situationen und ich habe die Emotionen gespürt, die mich während dieser 24 Stunden begleitet haben.
Ich hätte am liebsten direkt wieder die Schuhe angezogen und wäre losgelaufen.
Und dann hat sich etwas verändert.
Aus diesem Hoch wurde plötzlich Traurigkeit.
Nicht, weil irgendetwas schlecht gelaufen war.
Ganz im Gegenteil.
Sondern weil es vorbei war.
Dieser Lauf hatte mich über ein Jahr begleitet. Er war immer irgendwo da. Im Training. In meinen Gedanken. An den Tagen, an denen ich Bock hatte. Und besonders an den Tagen, an denen ich keinen Bock hatte.
Da war dieses Ziel, auf das ich hingearbeitet habe.
Und plötzlich war da nichts mehr.
Ich hatte unglaubliche Lust, in die Berge zu gehen. Zu wandern. Zu laufen. Zu trainieren.
Und gleichzeitig hatte ich überhaupt keine Lust darauf.
Klingt widersprüchlich.
Hat sich auch genauso angefühlt.
Der Antrieb, den ich so lange hatte, war einfach weg.
Und mein erster Impuls hätte sein können, sofort das nächste Ziel zu suchen.
Den nächsten Ultramarathon.
Die nächste Herausforderung.
Irgendetwas, auf das ich mich wieder freuen kann.
Doch genau das wollte ich nicht.
Ich wollte dieses Gefühl nicht sofort mit dem nächsten Ziel überdecken.
Also habe ich nichts gesucht.
Ich habe die Traurigkeit zugelassen.
Ich habe in dieser ersten Woche auch nicht groß auf meine Ernährung geachtet. Ich habe meine Routinen nicht einfach stumpf weiter durchgezogen.
Ich wollte Abstand.
Nicht, weil mir all diese Dinge plötzlich egal waren, sondern weil ich spüren wollte, was gerade wirklich da ist.
Und ich glaube, genau das vergessen wir manchmal.
Wenn wir ein unglaubliches Hoch erleben, darf danach auch ein Tief kommen.
Vielleicht ist es Dopamin. Vielleicht ist es einfach die Erkenntnis, dass etwas vorbei ist, das uns lange getragen hat.
Eigentlich ist es auch egal, wie wir es nennen.
Wir müssen dieses Tief nicht sofort reparieren.
Wir müssen nicht direkt ins nächste Projekt rennen, den nächsten Wettkampf buchen oder uns irgendein neues Ziel suchen, nur damit dieses Gefühl verschwindet.
Wir dürfen auch mal ein bisschen trauern.
Nicht aus Enttäuschung.
Sondern aus Dankbarkeit.
Weil etwas wunderschön war.
Weil wir es geschafft haben.
Weil wir wissen, dass genau dieser Moment nie wieder genauso zurückkommen wird.
Und irgendwann entsteht aus dieser Trauer wieder etwas Neues.
Bei mir kam das ganz natürlich.
Seit Freitag hatte ich plötzlich wieder Lust, anders zu essen. Meine Routinen kamen zurück. Die Motivation fürs Training steigt wieder.
Und jetzt merke ich:
Langsam habe ich wieder richtig Bock herauszufinden, was als Nächstes kommt.
Nicht, weil ich dem Swiss Alps 100 hinterhertrauere und dieses Loch unbedingt füllen muss.
Sondern weil ich ihn langsam loslassen kann.
Ich wurde in den letzten Tagen häufiger gefragt:
„Würdest du den Swiss Alps 100 noch einmal machen?“
Ja.
Auf jeden Fall.
Vielleicht irgendwann sogar die 160 Kilometer.
Aber nicht nächstes Jahr.
Ich will etwas anderes sehen.
Etwas Neues erleben.
Etwas, bei dem ich wieder nicht genau weiß, was passieren wird.
Und genau da meldet sich natürlich auch mein Ego.
Der Swiss Alps 100 gilt mit seiner Strecke und den enormen Höhenmetern als brutal harter Ultratrail. Und dann kommt dieser kleine Gedanke:
„Wenn du das geschafft hast, was soll dich jetzt noch herausfordern?“
Doch genau das ist Bullshit.
Natürlich wird mich das Nächste herausfordern.
Vielleicht habe ich dort keinen guten Tag.
Vielleicht kann ich nicht alles abrufen.
Vielleicht fordert mich eine vermeintlich einfachere Strecke auf eine völlig andere Art.
Und vor allem habe ich beim Swiss Alps 100 einen riesigen Teil der Strecke gar nicht gerannt.
Ich bin sehr viel gewandert.
Da liegt also noch unglaublich viel vor mir.
Schneller werden. Mehr laufen können. Technisch besser werden. Meinen Körper weiterentwickeln. Mich auf Trails ganz anders bewegen können.
Nicht einfach nur längere Strecken schaffen.
Sondern ein richtig guter Trailrunner werden.
Darauf habe ich Bock.
Vielleicht ist das am Ende auch das Schöne an großen Zielen.
Du erreichst sie und merkst plötzlich:
Es ging nie nur darum, dort anzukommen.
Das Ziel hat dich verändert.
Und wenn es vorbei ist, musst du nicht sofort wissen, was als Nächstes kommt.
Du darfst stolz sein.
Du darfst leer sein.
Du darfst traurig sein.
Du darfst ein paar Tage keine Ahnung haben, was du jetzt eigentlich willst.
Denn irgendwann entsteht aus dieser Leere wieder Lust.
Nicht die hektische Suche nach dem nächsten Kick.
Sondern echte Vorfreude auf das nächste unbekannte Kapitel.
Vielleicht kennst du das aus deinem eigenen Leben.
Nach einem großen Business-Ziel.
Nach einem Projekt.
Nach einer Reise.
Nach einem persönlichen Meilenstein, auf den du Monate oder Jahre hingearbeitet hast.
Plötzlich ist das erreicht, was du unbedingt erreichen wolltest.
Und trotzdem fühlt es sich nicht nur gut an.
Dann versuche nicht sofort, dieses Gefühl wegzumachen.
Vielleicht musst du gerade gar nichts Neues finden.
Vielleicht darf das Alte einfach erst einmal vorbei sein.
In den nächsten Wochen nehme ich dich noch ein bisschen tiefer in meine Vorbereitung auf den Swiss Alps 100 mit. Es kommen weitere Videos darüber, wie ich trainiert und mich auf diesen Lauf vorbereitet habe.
Und natürlich wird es auch ein Video vom Swiss Alps 100 selbst geben, damit du noch einmal einen ganz anderen Einblick in diese 24 Stunden bekommst.
Bis dahin möchte ich einfach Danke sagen.
Danke, dass du diese Reise verfolgt hast.
Und während dieses Kapitel langsam endet, beginnt bei uns schon das nächste.
Am Samstag geht es für mich nach Zypern. Kristina kommt drei Tage später hinterher.
Damit schließt sich für uns erst einmal wieder das Kapitel Deutschland.
Und ein neues beginnt.
Ich weiß noch nicht genau, was es bringen wird.
Aber vielleicht muss ich das auch gar nicht wissen.
Raphael
