Mein längster und härtester Run.
Letzten Freitag hatte ich wieder einen Tag nur für mich.
Diese Tage nutze ich für meine langen Läufe. Dieses Mal standen 35 bis 40 Kilometer auf dem Plan.
Ich bin losgelaufen und habe mich eigentlich gut gefühlt. Frisch. Locker. So, wie man sich fühlen will, wenn man weiß, dass noch viele Kilometer vor einem liegen.
Doch nach zehn Minuten habe ich gemerkt: Heute wird unangenehm.
Mein Puls schoss nach oben, meine Beine wurden schwer. Nichts fühlte sich leicht an. Jeder Schritt erinnerte mich daran, dass dieser Lauf kein Spaziergang werden würde.
Ich lief runter Richtung Hafen von Albufeira. Dort gehen ein paar Treppen nach oben – eigentlich nichts Besonderes. Doch an diesem Tag fühlten sie sich an, als hätte jemand Gewichte an meine Beine gehängt.
In diesem Moment wusste ich:
Heute wird ein Kampf.
Ich lief weiter an den Klippen entlang. Nach 10 km fühlte ich mich so, wie beim letzten langen Lauf nach 30. Der Kopf begann zu arbeiten.
Vielleicht heute abbrechen.
Vielleicht reicht es ja auch.
Doch dann kam ein anderer Gedanke.
Raphael, beim Rennen wird sich das genauso anfühlen. Vielleicht sogar schlimmer. Und dort wirst du noch viel mehr Kilometer vor dir haben.
Also bleib dran.
Ab diesem Moment ging es nicht mehr darum, wie sich mein Körper anfühlt. Es ging nur noch darum, weiterzulaufen.
Was mir enorm geholfen hat, war meine Ernährungsplanung. Ich hatte sie diesmal deutlich besser vorbereitet. Alle zwanzig Minuten nahm ich ein Gel (25g KH), zwischendurch einen Riegel (23g KH), einfach etwas zum Kauen. Am Ende kam ich auf ungefähr 75 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde.
Und ich merkte, wie sehr das hilft.
Der Körper war müde, die Beine brannten, besonders die Rückseite meiner Oberschenkel.
Nicht mal kurz, sondern andauernd. Das kannte ich so noch gar nicht.
Treppen hochzugehen fühlte sich an, als würden meine Beine nicht mehr richtig hochkommen.
Doch ich lief weiter.
Immer wieder drifteten meine Gedanken weg. Dann wieder zurück zu den Beinen. Zu dem Brennen. Zu der Frage: Wie lange noch?
Was mich dabei getragen hat, waren auch die Gedanken an meinen Freund Felix. Er hatte mir immer wieder gesagt, wie hart dieser Wettkampf werden wird.
Gerade in unserer gemeinsamen Trainingszeit hier in Portugal haben wir viel darüber gesprochen, was wirklich zählt, wenn es schwer wird.
Nicht die guten Tage.
Sondern die Momente, in denen du eigentlich aufhören willst.
Also stellte ich mir immer wieder eine Frage:
Wer will ich sein?
Wie läuft der Raphael den Ultramarathon, der ich sein möchte?
Diese Frage hat mich immer wieder zurückgebracht. Weg vom Schmerz, hin zu der Person, die ich sein will.
Wie mir diese Frage geholfen hat, das Leben zu kreieren, was wir jetzt leben, erfährst du in dieser Podcastfolge:
Am Ende stellte ich mir noch eine letzte Aufgabe.
Vom Hafen in Albufeira bis nach Hause sind es vier Kilometer. Und diese 4 Kilometer gehen nur bergauf.
Meine Regel war klar:
Die rennst du komplett.
Und genau in diesem Moment fragte ich mich kurz:
Warum macht mein Gehirn eigentlich immer wieder solche Sachen mit mir?
Aber ich wusste auch: Wenn ich mir so etwas in den Kopf setze, dann ziehe ich es durch. Das habe ich mir über die Jahre antrainiert.
Als ich oben am Berg ankam, war ich einfach nur glücklich.
Meine Beine taten weh wie lange nicht mehr. Ich legte mich erst einmal fünfzehn Minuten aufs Sofa und machte… nichts. Kein Handy, keine Gedanken, einfach nur liegen.
Später schleppte ich mich noch in ein zwanzigminütiges Erholungsbad. Danach konnte ich wieder halbwegs laufen.
Und am nächsten Tag?
Fast alles wieder gut. Ein bisschen Ziehen an den Schienbeinen, sonst nichts.
Das hat mir wieder gezeigt:
Ich bin auf einem guten Weg.
Ja, ich bin erst ein Drittel der Strecke gelaufen.
Ja, die Höhenmeter waren nur ein kleiner Teil von dem, was noch kommt.
Aber 37 Kilometer mit richtig müden Beinen habe ich geschafft.
Und genau darum geht es.
Nicht perfekt zu sein.
Sondern zu wissen: Ich kann weitergehen, auch wenn es schwer wird.
In knapp zwei Wochen kommt hier in Portugal der erste Marathon. Der Abschluss dieser Trainingsphase.
Und ganz ehrlich:
Ich freue mich drauf.
Kreiere einen geilen Tag.
Und ein geiles Leben.
Let’s go.
Raphael

