Es ist 2 Uhr nachts. Draußen regnet es.

Um 4 Uhr wird Lio zum ersten Mal wach. Der Regen prasselt noch immer gegen die Fenster.

Kurz vor 5 Uhr steht Kristina mit ihm auf. Der Regen wird stärker.

6 Uhr. Mein Wecker klingelt.

Für heute steht ein Trainingslauf an: 37 Kilometer, rund 1.600 Höhenmeter. Sechs Stunden werde ich vermutlich unterwegs sein.

Und es regnet immer noch.

Ich sitze auf dem Sofa und habe absolut keine Lust.

Weder zum Anziehen, noch stundenlang durch Regen, Kälte und Nebel zu laufen.

Ich will einfach sitzen bleiben.

Doch irgendwann kommt dieser Moment, an dem die Entscheidung getroffen ist.

Nicht motiviert. Nicht voller Energie. Nicht voller Vorfreude.

Sondern einfach mit der Akzeptanz:

„Okay. Ich werde heute komplett nass werden.“

Also ziehe ich mich an, packe meine Sachen und laufe los.

Nach zwei Minuten ist das Problem verschwunden.

Nicht der Regen.

Nicht die Kälte.

Nicht die Anstrengung.

Nur der Widerstand.

Der schwierigste Teil war nie der Lauf. Es war die Überwindung davor.

Während der ersten Kilometer spiele ich mit dem Gedanken, später vielleicht abzukürzen. Nicht ganz hochzulaufen. Eine leichtere Variante zu wählen.

Doch nach einer halben Stunde ist klar:

Heute wird durchgezogen.

Oben an der Hornisgrinde erwarten mich Temperaturen zwischen sieben und zwölf Grad, Nebel, keine Aussicht und ununterbrochener Regen.

Und gerade finde ich, was ich liebe.

Das Alleinesein.

Nur ich.

Mein Atem.

Mein Herzschlag.

Der Regen.

Der Schweiß.

Kaum Menschen. Kaum Tiere. Nur Wald.

Ich laufe weiter nach oben.

Den geplanten Abstecher zum Wildsee breche ich nach wenigen hundert Metern ab. Der Weg hat sich in einen Bach verwandelt. Wasser schießt den Pfad hinunter. Also suche ich eine andere Route, springe über breite Pfützen und kämpfe mich weiter durch den Schwarzwald.

Wege werden gerade zu Bächen.

Natürlich bin ich längst komplett durchnässt.

Und trotzdem fühlt es sich gut an.

Irgendwann entdecke ich einen Salamander am Wegesrand. Mitten in diesem grauen, nassen Morgen wirkt er fast wie eine kleine Erinnerung daran, dass Schönheit oft genau dort auftaucht, wo wir sie am wenigsten erwarten.

Beim Abstieg laufen die Wege wie kleine Flüsse den Berg hinunter. Die Kälte zieht langsam durch den Körper.

Und plötzlich kommt dieser Gedanke:

Vor einem Jahr hätte ich niemals geglaubt, dass ich hier heute hochrennen würde.

Schon gar nicht bei diesem Wetter.

Noch weniger, dass ich dabei Spaß haben würde.

Doch genau das hatte ich.

Es war eine meiner stärksten Leistungen der letzten Monate. Nicht nur körperlich, sondern vor allem mental.

Nicht weil ich besonders schnell war.

Nicht weil ich mich gepusht habe.

Sondern weil ich ruhig geblieben bin.

Konsequent.

Schritt für Schritt.

Immer weiter.

Ich habe gelernt, dass schwierige Momente meistens leichter werden, wenn wir nicht gegen sie kämpfen.

Wenn wir sie durchlaufen.

Genau wie beim Laufen.

Sobald ich wieder im Rhythmus bin, verschwinden die meisten Schmerzen.

Früher bin ich oft mit meinem Papa auf die Hornisgrinde gefahren. Ich bin dort gerne alleine umhergewandert.

Heute renne ich von unten bis ganz nach oben.

Wenn ich darüber nachdenke, was sich innerhalb eines einzigen Jahres verändern kann, macht mich das demütig.

Körperlich.

Mental.

Finanziell.

Als Vater.

Als Mensch.

Ein Jahr. Mehr war es nicht.

Ein Jahr voller kleiner Entscheidungen.

Ein Jahr voller Schritte.

Ein Jahr voller Momente, in denen ich mich gefragt habe:

„Wie kann ich ein kleines bisschen besser werden?“

Während ich durch den Nebel laufe, wird mir wieder bewusst, wie dankbar ich dafür bin, gerade hier leben zu dürfen.

Mitten im Schwarzwald.

Umgeben von Bäumen.

Von Stille.

Von Natur.

Und in solchen Momenten erinnere ich mich gerne daran, dass all das, was wir erleben, letztlich Interpretationen sind.

Gedanken.

Konzepte.

Geschichten.

Bedeutungen, die wir den Dingen geben.

Unter all dem liegt einfach nur das Leben selbst.

Der gegenwärtige Moment.

Das Sein.

Und vielleicht ist genau das die größte Freiheit.

Nicht ständig irgendwo ankommen zu wollen.

Sondern hier anzukommen.

Jetzt.

Bei dir.

Ohne Angst.

Ohne Zweifel.

Ohne ständig gegen etwas anzukämpfen.

Einfach präsent.

Denn aus dieser Präsenz heraus entstehen die besten Entscheidungen.

Die klarsten Gedanken.

Die stärksten Handlungen.

Aktuell arbeite ich an einem Projekt, das mich genau dabei fasziniert.

Gemeinsam mit einer kleinen Beta-Testgruppe entwickeln wir etwas, das Menschen dabei unterstützen soll, mehr Klarheit, Bewusstsein und innere Ruhe in ihren Alltag zu bringen.

Darüber erzähle ich dir im nächsten Newsletter mehr.

Für heute möchte ich dir einen Gedanken dalassen, den ich kürzlich in einem Podcast gehört habe:

“Alles, was wir uns von Herzen wünschen, ist für uns bestimmt.”

Vielleicht ist an diesem Gedanken etwas Wahres:

Alles, was wir uns von Herzen wünschen, ist für uns bestimmt.

Sonst würde es uns vermutlich nicht immer wieder rufen.

Kreiere einen kraftvollen Tag.

Raphael

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