Ich habe meinen Härtetest nicht bestanden.
57 Kilometer.
4200 Höhenmeter.
Und ich habe zwischendrin abgebrochen.
Das hier zu schreiben, fühlt sich unangenehm an.
Fast schon wie eine Schande.
Vor allem, weil ich weiß:
Mein Körper hätte vermutlich noch weitergekonnt.
Ich hatte alles vorbereitet.
Die Strecke geplant.
Die Verpflegung organisiert.
Das Essen abgestimmt.
Die Kleidung vorbereitet.
Doch rückblickend gab es Dinge, die ich nicht gut gemanagt habe.
Der Tag davor war komplett voll.
Ich hatte keine Ruhephase.
Kein wirkliches Runterfahren.
Keine mentale Einstimmung.
Und als morgens um 4:30 Uhr der Wecker klingelte, war ich zwar wach, aber nicht wirklich da.
Ich habe einfach funktioniert.
Aufstehen.
Zähne putzen.
Anziehen.
Kleinigkeiten essen.
Losgehen.
Doch dieses Feuer, diese Vorfreude auf das Abenteuer, die ich sonst bei solchen Läufen spüre, war nicht da.
Schon beim ersten Anstieg war es kalt.
Meine Beine fühlten sich schwer an.
Nicht locker.
Nicht spritzig.
Wahrscheinlich auch, weil ich die vier Tage davor fast nichts gemacht hatte.
Ich wollte regenerieren.
Mich schonen.
Doch dabei hat mir genau das gefehlt, was mich normalerweise im Rhythmus hält: Bewegung.
Ich habe innerlich schon am ersten Berg immer wieder gejammert.
Als ich oben ankam und die Berge sah, kam kurz Freude auf.
Die Sonne kam raus.
Meine Stimmung wurde besser.

Doch dann kam der Abstieg.
Steil.
Anstrengend.
Meine Oberschenkel und Knie begannen zu ziehen.
Ich konnte keine Geschwindigkeit aufbauen.
Ich brauchte viel länger als geplant.
Unten angekommen lief ich Richtung Supermarkt, um meine Vorräte aufzufüllen, und merkte:
Alles wird schwer.
Und das nach nicht einmal 20 Kilometern.
Ich ging weiter.
Den nächsten Berg hoch.
Doch diese Energie, diese Freude, dieses „Ich will hier sein“, fehlte.
Stattdessen war mein Kopf schon beim letzten Abstieg.
„Boah… meine Knie.“
„Das wird richtig unangenehm.“
„Wie soll ich das noch alles schaffen?“
Als ich oben auf dem Berg ankam, hatte ich innerlich fast schon abgeschlossen.
Dann ging es nochmal mehrere hundert Höhenmeter bergab.
Anstrengend, aber machbar.
Und als ich an meiner Verpflegungsstation ankam, setzte ich mich hin und aß.

Ich merkte richtig, wie hungrig mein Körper war.
Ich versorgte mich komplett neu.
Fast so, als würde ich gleich weitermachen.
Und jetzt kommt der verrückte Teil:
Alles in mir sagte:
„Geh weiter.“
Mein Körper sagte:
„Ich kann noch.“
Mein Unterbewusstsein sagte:
„Bring das Ding zu Ende.“
Natürlich wäre es hart geworden.
Der letzte Berg wäre wegen des Schnees wahrscheinlich nicht komplett machbar gewesen.
Aber ich hätte trotzdem noch mehrere hundert Höhenmeter und viele Kilometer machen können.
Ich wäre vermutlich nochmal vier bis fünf Stunden unterwegs gewesen.
Und genau dort wurde ich mental weich.
Ich dachte:
„Was, wenn sich diese Schmerzen festsetzen?“
„Was, wenn daraus etwas Längerfristiges wird?“
„Das ist doch nur ein Test und nicht das Rennen.“
Und genau dieser Satz wurde mein Ausstieg.
„Es ist ja nur ein Test.“
Wäre es das Rennen gewesen, wäre ich weitergegangen.
Davon bin ich überzeugt.
Doch dort saß ich und entschied mich aufzuhören.
In diesem Moment fühlte sich das vernünftig an.
Ich ging nach Hause.
Und zuerst war alles okay.
Bis zum nächsten Abend.
Ich ging spazieren und merkte plötzlich:
Meinen Beinen geht es richtig gut.
Und genau da kamen die Zweifel.
Vielleicht regeneriere ich einfach unglaublich schnell.
Oder…
da wäre noch viel mehr gegangen.
Und tief in mir wusste ich:
Es war wahrscheinlich das Zweite.
Nicht mein Körper hat aufgehört.
Mein Kopf hat aufgehört.
Ich wollte nicht noch vier oder fünf Stunden laufen ohne Euphorie.
Ohne dieses geile Gefühl, die Berge runterzufliegen.
Ohne Spaß.
Ich wollte einfach heim.
Und das war wie ein Schlag in die Fresse.
Noch härter wurde es, als ich zuhause mit Kristina darüber sprach.
Ich sagte ihr:
„Ich glaube, ich war einfach mental zu schwach.“
Und sie antwortete:
„Ja. Ich habe das sofort gespürt. Das bist nicht du. Normalerweise hörst du nicht einfach auf.“
Das tat weh.
Weil ich selbst wusste, dass sie recht hat.
In Frankreich wollte ich den Halbmarathon unter zwei Stunden laufen.
Ich habe es geschafft.
In Portugal wollte ich Marathon laufen.
Ich bin sogar weitergelaufen.
Ich habe immer durchgezogen.
Und jetzt sitze ich hier mit diesem Gefühl von Versagen.
Nicht weil mein Körper versagt hat.
Nicht weil mein Magen dichtgemacht hat.
Nicht weil die Planung schlecht war.
Alles hat funktioniert.
Ich hatte genug Kraft.
Genug Essen.
Genug Wasser.
Der einzige wirkliche Grund war:
Ich habe mental nicht durchgezogen.
Und das ist schwer für mich zu akzeptieren.
Es ist jetzt fast eine Woche her und ich trage dieses Gefühl immer noch mit mir herum.
Doch gleichzeitig versuche ich gerade etwas anderes darin zu sehen.
Vielleicht musste ich genau das erleben.
Vielleicht musste ich genau diesen Schmerz fühlen.
Vielleicht musste ich erkennen, dass mentale Stärke nicht bedeutet, immer motiviert zu sein.
Nicht immer euphorisch zu sein.
Nicht immer voller Energie zu sein.
Vielleicht bedeutet mentale Stärke manchmal einfach:
weiterzugehen, obwohl gerade kein Spaß da ist.
Denn genau das habe ich jetzt verstanden:
Solche Strecken bestehen nicht nur aus schönen Momenten.
Nicht nur aus Sonnenaufgängen auf Bergspitzen.
Nicht nur aus Euphorie.
Sie bestehen auch aus Schmerzen.
Zweifeln.
Genervtheit.
Erschöpfung.
Dem Wunsch einfach aufzuhören.
Und genau dort entscheidet sich, wer du bist.
Ich sehe diesen Lauf deshalb inzwischen anders.
Ja, ich habe den Test nicht bestanden.
Doch vielleicht war genau das die Lektion, die ich gebraucht habe, bevor das eigentliche Rennen kommt.
Dass ich meinem Körper mehr vertrauen darf.
Dass ich nicht auf jede Angst hören muss.
Dass mein Kopf manchmal viel früher aussteigen will als mein Körper.
Und dass ich lernen darf, genau dort weiterzugehen.
Nicht blind.
Nicht zerstörerisch.
Sondern bewusst.
Denn ich werde aus diesem Tief wieder herauskommen.
Und vielleicht werde ich gerade genau deshalb stärker als zuvor.
Nicht wegen eines perfekten Erfolgs.
Sondern wegen dieser ehrlichen Begegnung mit mir selbst.
Und daran möchte ich dich erinnern:
Egal wo du gerade stehst.
Egal was gerade schiefgelaufen ist.
Egal wie sehr du gerade an dir zweifelst.
Nach jedem Regen kommt irgendwann wieder Sonne.
Wenn du bereit bist hinzuschauen.
Zu lernen.
Und weiterzugehen.
Kreiere ein gigantisches Leben.
Und lass dich von dir selbst nicht verarschen.
Ich versuche es auch. ;-)
Raphael