Mein erster Nachtlauf war vollkommen anders, als ich erwartet hatte.

Als ich loslief, hatte ich ehrlich gesagt überhaupt keine Lust.

Es waren noch fast 30 Grad.

Der Rucksack war voll mit Verpflegung.

Vor mir lagen acht bis zehn Stunden.

Ich stand am Start und dachte nur:

Lieber würd ich jetzt nur im Garten chillen.

Und gleichzeitig war ich so dankbar, dass ich das tun kann.

Am Donnerstagabend um 19 Uhr losgehen und am Freitag so lange schlafen zu können, wie ich es brauche.

Und wie mein Alltag dabei aussieht, zeige ich in diesem Video:

Dankbar, aber ohne Motivation und Lust ging ich los.

Die geplante Runde waren 10 km und 700 hm.

Ich hatte für jede etwa zwei bis zweieinhalb Stunden eingeplant.

Und es war heiß.

Richtig heiß.

Aber je länger ich unterwegs war, desto mehr verschwand der Widerstand.

Nach der ersten Runde an meinem Verpflegungspunkt angekommen, füllte ich Wasser nach, aß eine Kleinigkeit und schaute auf die Uhr.

Zwölf Minuten Pause.

Ich dachte sofort:

Das ist ganz schön viel.

Nicht, weil ich getrödelt hätte.

Sondern weil sich in so einem langen Rennen jede Minute summiert.

Wenn man bei jedem Stopp zehn oder fünfzehn Minuten verliert, kommt am Ende einiges zusammen.

Die zweite Runde begann.

Mittlerweile war es dunkel.

Die Stirnlampe ging an.

Und plötzlich passierte etwas, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte.

Ich fühlte mich unglaublich sicher.

Fast sicherer als nachts durch eine Großstadt zu laufen.

Es war still.

Ich begegnete Fröschen.

Kröten.

Und dann Glühwürmchen.

Ich glaube, ich hatte seit meiner Kindheit keine mehr gesehen.

Für einen Moment war ich einfach nur glücklich.

Dann kam die Hitze zurück.

Kein Wind.

700 Höhenmeter berg ab und kein Lüftchen.

Immer wieder Schweiß.

Ich merkte, wie mein Tempo langsamer wurde.

Nicht dramatisch.

Aber spürbar.

Und trotzdem war das keine Niederlage.

Ganz im Gegenteil.

Vor einigen Tagen war ich bei Johannes, einem unglaublich erfahrenen Osteopathen, der TCM und andere alte Heilkunden miteinander vermischt.

Eigentlich ging es nur um etwas Spannung in meinen Oberschenkeln.

Doch während der Behandlung erklärte er mir etwas, das mich bis heute beschäftigt.

Er sagte, dass ich meinen Körper oft zu sehr über den Willen steuere.

Dass ich mich manchmal regelrecht durchkämpfe.

Und genau dabei verändert sich meine Körperspannung.

Meine Leber schiebt nach vorne, ich bekomme Druck ins rechte Becken und dadurch verändert sich der Druck auf die Beinachse.

Es sind nicht die kaputten Bänder im Sprunggelenk oder zu wenig Kraft, es ist die Wirkung des Geisteszustandes auf die Organe.

Plötzlich ergibt vieles Sinn.

Denn wenn ich auf meine vergangenen Läufe zurückblicke, hatte ich fast immer dann Probleme, vor allem in der rechten Oberschenkelrückseite, wenn ich unbedingt etwas erzwingen wollte.

Die schweren Läufe, auf die ich mich gefreut habe, verliefen oft erstaunlich leicht.

Nicht weil sie einfacher waren.

Sondern weil ich sie angenommen habe.

Ohne Kampf.

Mit Freude.

Genau das habe ich in dieser Nacht verändert.

Ich bin die Berge bewusst langsamer heruntergelaufen.

Ich habe Kräfte gespart.

Nicht gegen meinen Körper gearbeitet.

Sondern mit ihm.

Vielleicht kostet mich das auf einzelnen Kilometern ein paar Minuten.

Aber auf 100 Kilometern wird es mich wahrscheinlich schneller machen.

Nach rund siebeneinhalb Stunden war Schluss.

Etwa 30 Kilometer.

Rund 1.800 Höhenmeter.

Ich hätte noch weiterlaufen können.

Aber ich hatte alles gelernt, weshalb ich losgegangen war.

Manchmal ist genau das der Erfolg.

Nicht möglichst lange durchzuhalten.

Sondern genau dann aufzuhören, wenn der Zweck erfüllt ist.

Mir wurde klar, wie viel Zeit ich bei den Verpflegungsposten verlieren kann, wenn ich nicht achtsam mit der Zeit bin.

Ich habe erfahren, wie es ist nachts alleine zu laufen. Dass es keine schlechten oder dunklen Gedanken gab, wenn die Ausrichtung stimmt.

Das Bergablaufen wurde leichter und ich fühlte mich zwar müde am Ende, doch waren meine Oberschenkel weniger verspannt als früher, was ein mega Gewinn ist.

Der Swiss Alps 100 kommt näher.

Und ich habe das Gefühl, dass ich gerade etwas viel Wichtigeres trainiere als meine Beine.

Ich lerne, meinem Körper zuzuhören.

Nicht gegen ihn.

Sondern mit ihm.

Und vielleicht gilt genau das nicht nur fürs Laufen.

Sondern für das ganze Leben.

Kreiere einen kraftvollen Tag.

Raphael

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